Re: »Free to play« und warum dir manche Spiele einen Flow ins Ohr setzen wollen

Die Deutschen haben ein ganz besonderes Verhältnis zum Free-to-play-Modell. Ein Blick auf die größten Spielefirmen zeigt, dass sich 7 von 10 Unternehmen in den Top 10 auf Browser- und Mobilegames spezialisiert haben, die sich über Mikrotransaktionen finanzieren. Hier kann man also nicht von einer kleinen Sparte sprechen, sondern vom finanzstärksten Sektor der hiesigen Spielebranche. Großem Erfolg wird im Allgemeinen eine hohe Relevanz zugesprochen. Im direkten Vergleich mit dem internationalen Markt zeigt sich aber auch, dass diese Titel im videospiel-historischen Kontext wenig bis keine Relevanz aufweisen. Nicht zuetzt daran zu erkennen, dass selbst die heimische Spielepresse Goldeseln wie Forge of Empires und Konsorten kaum Beachtung schenkt.

Ja, der oben zitierte Tweet von mir kommt einem polemischen Generalverdacht gleich, der zurecht manche Gemüter erhitzt. (Spoiler: Das war mein Ziel.) Hinzu kommt, dass es natürlich eine recht naive Vorstellung ist, Menschen sollten Spiele aus Liebe zum Spiel entwickeln. Wer kann sich diesen Luxus schon leisten? Die meisten von uns Arbeiten nicht zum Spaß, sondern um sich ein Dach über dem Kopf, warme Mahlzeiten und das neueste iPhone leisten zu können. Da bilde ich keine Ausnahme, allerdings stieß ich während meiner Laufbahn immer wieder auf Spieleentwickler*innen, die für das Medium brennen und diese Leidenschaft samt moralischer Werte in die Entwicklung einfließen lassen. Dass das bei Weitem nicht ausreicht, um in die Verkaufscharts zu kommen, steht außer Frage. Für mich ist das seit jeher ein sehr emotionales Thema, da ich mich an den Mechaniken störe, die hier zum Einsatz kommen, aber weitesgehend schöngeredet oder relativiert werden.

Meinem Empfinden nach zerstört F2P oftmals mit gezielt platzierten Stolpersteinen den Flow, damit Spieler*innen sich daran stören und mittels Mikrotransaktionen Abhilfe schaffen. Es geht hier also weniger darum, ein rundes Produkt zu abzuliefern, sondern es möglichst lukrativ mit Ecken und Umwegen zu versehen, um Kaufreize zu schaffen, die in fragwürdiger Relation zum Gegenwert stehen. Als Totschlagargument wird dann gerne aufgeführt, dass es ja jedem frei stünde, Geld auszugeben oder nicht. Alles schön und gut, aber ich störe mich am Spiel mit psychologischen Tricks, die im schlimmsten Fall sogar zur Abhängigkeit (PDF) führen können.

Zur Veranschaulichung meines Problems mit Free-to-play stellt euch vor, ein Videospiel sei ein Laufband, in Betrieb. Nach dem ersten Kilometer händigt euch der F2P-Entwickler eine Wasserflasche aus. Das Laufband pausiert und ihr nehmt einen großen Schluck aus der Flasche. Köstlich. Jetzt setzt sich das Laufwand wieder in Bewegung. Schneller. Nach einer gewissen Zeit greift ihr erneut zur Wasserflasche, doch der Flaschenhals ist plötzlich so schmal, dass nur ein paar Tropfen eure Kehle benetzen. Für den Entwickler gilt es jetzt, die Maße des Flaschenhalses so mit dem Betrieb des Laufbands und der Raumtemperatur abzustimmen, dass der Durst nie wirklich gelöscht wird – ohne die Spieler*innen verdursten zu lassen. Derweil gönnt der Entwickler sich einen kleinen Datensalat.

Im Idealfall kauft ihr dann 10x goldene Flaschenhälse, die sich jeweils nach einer Nutzung in Luft auflösen. Und wer mag, kann auch noch separat unverhältnismäßig kostspielige Farb-, Geschmacks- und sonstige Inhaltsstoffe erwerben, tolle Verzierungen für die Flasche, die Raumtemperatur senken und für 25 Schlumpfbeeren gibt’s ‘ne Banane, um Muskelkrämpfen in den Beinen vorzubeugen. “Man muss keine Flaschenhälse kaufen. Wir lassen niemanden verdursten!“, erwidert der Entwickler. Wow!

Aus ökonomischer Sicht ist das alles ganz prima. Finanzieller Erfolg schafft Arbeitsplätze, spült Geld in alle möglichen Töpfe, stärkt den Standort und letztlich die Wirtschaft. Dass dieser Erfolg oftmals auf dem Verkauf von Einweg-Flaschenhälsen, also bewusster Verknappung basiert, interessiert dann keinen mehr. Was zählt, ist das schwarze Plus im Quartalsbericht.

Mir ist klar, dass es Ausnahmen gibt: Okaye bis sehr gute Spiele mit einer fairen Balance aus Flow und Cash Flow. Auf Twitter wurden u.a. Pokémon Go, Apex Legends, Warframe und Path of Exile genannt. Diese Ausnahmen machen den Rest aber nicht ungeschehen. (Und stammen zudem nicht aus Deutschland.) Ich möchte auch von mir weisen, ich würde Spieler*innen von Free-to-play Titeln diskreditieren wollen. Dem ist nicht so. Niemand sollte sich rechtfertigen oder gar schämen müssen, Gefallen an Handygame X oder Browsergame Y zu finden. Das ist auch immer mein Wortlaut, wenn ich im Zuge von DOOMIAN mit Menschen spreche, die sich diesbezüglich äußern. Zockt verdammt noch mal das, worauf ihr Lust habt. Hey, ich fühlte mich von Candy Crush wunderbar unterhalten.

Was ich mir jedoch wünsche, ist ein etwas kritischerer Umgang mit den Mechaniken, die eingesetzt werden, um auf der Suche nach dem nächsten Wal Kaufreize zu triggern. Davon abgesehen wäre es doch echt mal schön, wenn mehr Spiele aus Deutschland nicht nur finanziell erfolgreich, sondern auch gut wären. So gut, dass sie im Kontext von Videospielkultur Erwähnung finden – und nicht nur auf Präsentations-Folien in Marketing-Workshops. Ob ich das hohe Ross, auf dem ich sitze, freigespielt oder gekauft habe, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

2 Kommentare

  1. Hey Fabu,
    du sprichst da ein paar richtige und wichtige Punkte an, die gerade bei vielen, ich sage mal, “Mobile Games” vermehrt vorkommen und beobachtet und erklärt werden sollten/müssen.
    Stichworte wie ‘Skinner Box’ und die künstliche Verknappung sind Konzepte, die reduziert bis abgeschafft gehören.

    Was du aber erreichst wenn du das auf den Begriff “Free-to-Play” runter brichst ist keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Du erwähnst ja sogar das F2P gut funktionieren kann mit ein paar guten Spielbeispielen. Das aber als Ausnahme abzutun ist wie zu sagen, dass alle Print-Magazine abgeschafft werden sollen. Klatschmagazine und Pornoheftchen die Geld einfahren und kaum Gehalt/Inhalt haben überfluten den Markt. Klar gibt’s auch positiv Beispiele wie den Spiegel oder die Spex aber die machen den Rest ja nicht ungeschehen…
    Schlecht reden vom Konzept Free to Play hilft jedenfalls nicht weiter, sondern sollte man doch eher Hinweise geben wie man die Guten von den Schlechten unterscheidet und was die Schlechten eigentlich schlecht macht. Oder auch was Vorteile vom F2P sind. (Kann da sehr die Videos von Extra Credits zu dem Thema empfehlen https://youtu.be/FwI0u9L4R8U)

    So ist dein Text hier leider nur so polemisch und naiv wie dein Tweet. Aber da war vielleicht ja auch die Intention.

    • Direkt im ersten Absatz spreche ich von 7 der 10 größten Spielefirmen in DE. Wie genauer muss ich denn noch werden? Wenn du hierzulande Gamedesign studierst, sind das die “Vorbilder”, an denen Erfolg gemessen wird. Das finde ich fatal, wenn man bedenkt, wie wenig Innovation da drin steckt. Und nur weil ich jeden anspreche, muss sich doch nicht jeder (Entwickler) angesprochen fühlen. 😉

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